Kunsthalle: Neue Wege nichts zu tun

Kunst
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Foto: Stephan Wyckoff

Wir leben in einer Zeit der Schnelllebigkeit, in einer Zeit deren Fokus auf der Produktivität und auf dem Fortschritt ruht – arbeiten, Überstunden, Optimierung, produktiv sein, noch produktiver sein, zuhause weiter arbeiten, noch viel produktiver sein. Unterm Strich bleibt da nicht mehr viel Zeit zum Sein und Seele baumeln lassen, beinah kläglich wirken die Freizeitstunden stellt man sie der Arbeitszeit gegenüber (Studenten ausgenommen). Auch das künstlerische Schaffen wird mehr und mehr von Begriffen wie „Selbstoptimierung“ oder „Professionalisierung“ dominiert. Die Ausstellung „Neue Wege nichts zu tun“ in der Kunsthalle Wien stellt sich dieser Zeit gegenüber, ein beinah lautloser Protest, der mit seinen unterschiedlichen künstlerischen Werken, die viele Formen des Nichtstun, des Unterlassens oder der Askese positiv besetzt und zeigen möchte, dass auch das Nichtstun zu schöpferischen Momenten führen kann. 

Motiv dieser Kunstschau und Schlüsselfigur der Moderne ist Bartleby, Protagonist der 1853 von Herman Melville publizierten Erzählung „Bartleby der Schreiber“. Im höflichen Ton antwortet er auf jegliche Bitte und Anforderung „I would prefer not to“. Er lehnt ab anstatt zu Schweigen – eine Handlungsform auf die sich auch die Ausstellung in der Kunsthalle bezieht. Die Künstler antworten, aber Sie antworten mit dem „Nichts“, setzen es in Zentrum und Kontext, projizieren es auf unterschiedliche Untergründe und über unterschiedliche Kanäle, mit den unterschiedlichsten Werkzeugen.

„I tell you to stop!“ hallt es von den Wänden. Mit sanfter Stimme mahnt uns ein Hypnotiseur auf der Stelle aufzuhören. Er führt uns tiefer und tiefer in unsere Arbeitswelt hinein, erschafft eine Welt in der uns die Arbeitgeber in leeren Büroräumen zurück lassen und uns somit Platz zur Reflexion schaffen. Der Film Working Life kritisiert unser Arbeitssystem und seine angsteinflößende Zukunftsperspektive – und das aus der Sicht eines Therapeuten.

Perpetual Room von Edit Dekyndt ist die Wandprojektion eines Computersignals im Standby-Modus. Auch dieser Computer gibt sich dem Nichtstun hin, oder wartet auf den nächsten Auftrag, ist auf der Lauer – eine Frage des Blickwinkels. Hoch oben über den Köpfen der Besucher thront eine Uhr, deren Zifferblatt die Stunde Null anzeigt. Beobachtet man sie eine Minute lang, so lässt sich, flüchtig wie ein Wimpernschlag, erkennen, dass sie umspringt: von 00:00 auf 00:00. Sie weigert sich die Zeit zu zählen, ist aber dennoch nicht stehen geblieben.

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© Bildrecht, Wien, 2014, Courtesy die Künstlerin und Konrad Fischer Galerie Düsseldorf / Berlin

Sofia Hultén schlüpft für die Besucher in eine graue Bürorobe und zeigt dem Betrachter mit ihrer Videoinstallation 12 Wege sich im Büro zu verstecken. Dabei versteckt sie sich unter Kisten, hangelt sich Regalwände entlang, kriecht hinter Topfpflanzen und unter Schreibtische. Sie feilt an ihrer Performance bis sie schließlich Teil des grauen Arbeitszimmers wird, ein unbewegliches Objekt und gänzlich mit ihm verschmilzt. Der Kurzfilm ist eine Grauzone zwischen Arbeit und Verweigerung, deren Existenz aus Anstrengung und Kreativität besteht um am Arbeitsplatz physisch präsent und doch untätig zu sein.

Diese und viele weitere außergewöhnliche Werke zur Thematik warten in der Kunsthalle bis zum 12. Oktober auf kunstbegeisterte Gäste! Doch auch wenn viele der Künstler wunderbar den Geist unserer heutigen Zeit treffen und Schlupfwinkel zum Nichtstun erschaffen, zeigt die Ausstellung dennoch, dass man sich als Element unseres Systems der Produktivität niemals gänzlich entziehen kann: Auch das künstlerische Anpreisen des Nichtstun ist mit Mühe und Aufwand verbunden, will man den Besuchern der Kunsthalle mehr als einen leeren Ausstellungsraum bieten.

Redakteurin: Jaqueline Ehrhart
weitere Info’s zur Ausstellung hier

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