Theaterkritik: Gespenster im Akademietheater

Event, Theater

Nach Shakespeare’s „Romeo und Julia“ und Brecht’s „Mutter Courage und ihre Kinder“ durfte ich gestern ein weiteres Meisterwerk von Regisseur David Bösch im kleinen, aber feinen Akademietheater bewundern: Henrik Ibsen’s „Gespenster“. Bösch haucht dem Stück von 1881 neues Leben ein und zeigt mit der modernen Inszenierung des Gesellschaftsdramas zweifellos, dass die damaligen Konflikte, auch heute noch von Bedeutung sind. Eine Aufführung über überholte Konventionen und die Gespenster unserer Vorangegangenen.

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Kirsten Dene (Helene Alving) und Martin Schwab (Pastor Manders) © Reinhard Werner

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Liliane Amuat (Regine Engstrand) © Reinhard Werner

Das Bühnenbild von Patrick Bannwart veranschaulicht das gespenstische Dasein der Familienmitglieder und der Zuschauer erkennt sofort, dass hier kein Platz für Lebensfreude ist. Viel mehr erinnert es an ein unbewohntes Geisterschloss: Meterdick liegt der Staub auf den Dielen und den mit Leinen behangenen Einrichtungsstücken, das farblose Abbild des verstorbenen Hausherren Alvings thront hoch oben auf der Feuermauer über den Köpfen der Zurückgebliebenen – fahles Licht, Spinnweben und Nebelschleier untermalen die trostlose Atmosphäre.

Man hört einen Besen über die Dielen kratzen. Regine, das Dienstmädchen des Hauses, kämpft hustend mit Spinnweben und Schmutz und fegt letztendlich den Staub unter die Leinen – eine neckische Anspielung auf die folgenden zwei Stunden, in denen so manch dunkles Geheimnis, das einst von den Familienmitgliedern unter den Teppich gekehrt wurde, seinen Weg ans Tageslicht findet. Gespielt wird die Rolle der Regine Engstrand von der schönen Liliane Amuat – eine sehr passende Besetzung.

Helene Alving, geprägt von den harten Ehejahren mit ihrem exzessiven und tugendlosen Gatten, wird von der äußerst großartigen Kirsten Dene gespielt – diese begibt sich in ihrer Spielkunst auf eine gekonnte Gratwanderung zwischen Zynismus und Ironie. Zehn Jahre nach dem Tod ihres Mannes möchte die Witwe nun gemeinsam mit Pastor Manders ein Kinderheim eröffnen und somit den Gespenstern der Vergangenheit den Gar ausmachen. Martin Schwab überzeugt in seiner Rolle als selbstgerechter, unaufhörlich mit erhobenen Zeigefinger von Pflicht und Ordnung leiernder Pastor und erheitert die Zuschauerreihen.

Der Sohn Osvald bekam von all diesen Zuständen nichts mit, er zog in jungen Jahren nach Paris und widmete sich der Kunst. Markus Meyer verwandelt Osvald Alving in ein alkoholkrankes Nervenbündel im Frotteepyjama. Er kehrt zu seiner Mutter zurück und verliebt sich in das Hausmädchen Regine – ein Liebesglück umspielt von den sanften Klängen Bon Ivers. Regines unkompliziertes, lebendiges Wesen ist Osvald einziger Hoffnungsschimmer – leidet er doch am ererbten Wahnsinn des Vaters. Der Tischler Engstrand, ein humpelnder Trunkenbold,  wird von Johannes Krisch so glaubhaft verkörpert – man könnte bei seinen Ansprachen ans Publikum meinen, man sitze zwischen Trinkern und Unruhestiftern am Praterstern.

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Johannes Krisch (Tischler Engstrand) © Reinhard Werner

Als Frau Alving von der Liebelei der Beiden erfährt beginnt ihre Lebenslüge zu bröckeln, ihr Geständnis bringt den Knoten zum Platzen. Eingeleitet vom Song „Father and Son“ von Cat Stevens verschlägt David Bösch mit dem Höhepunkt seiner Inszenierung den Zuschauern den Atem. Schlagartig wie ein Kanonenschuss zwingt er all seine Rollen und das komplette Bühnenbild in die Knie: Vom prasselnden Regen, brennenden Träumen, fallenden Vorhängen, mit dem Vorschlaghammer in tausend Stücke geschlagenen Büsten, über einen Diavortrag ohne Bilder, der zeigt, dass es für die Familie kaum glückliche Erinnerungen gibt, bis hin zum geisteskranken Sohn auf einem Dreirad – Bösch lässt kein dramatisches Instrument aus. Dabei wird laut geschrien, geweint, hastig die Koffer gepackt, bis zur schieren Bewusstlosigkeit getrunken, Kette geraucht und sich wimmernd im Elend gewälzt. Grandios!

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Markus Meyer (Osvald Alving) © Reinhard Werner

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass aus „Gespenster“ ein wirklich sehr amüsantes Stück geworden ist, das seinen Betrachter ebenso zum Nachdenken und Reflektieren anregt. In leisen Momenten glänzt es durch die wundervolle Auswahl an talentierten Schauspielergrößen, in lauten Momente durch die bombastische Wucht an emotionsgeladenen Darstellungsformen. Ein Besuch lohnt sich auf jeden Fall!

Wer sich vom genialen Gesamtpaket aus Schauspieltalent, Bühnengestaltung und Inszenierungskunst selbst überzeugen möchte, muss schnell sein, denn die vorerst letzte Aufführung findet schon am Montag, den 23. Juni, statt! Also auf, auf!

Die Füchse bedanken sich für einen wunderschönen Theaterabend und freuen sich schon auf die nächste Show!

Redaktion: Jaqueline Ehrhart

Karten und weitere Infos gibt’s hier: www.burgtheater.at

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