Vague – In the Meantime

Musik

Inzwischen ist die Welle zur Flut geworden. Aber einer verdammt smoothen Flut.

VAGUE_PRESS_(C)GabrielHyden

alle @ – Gabriel Hyden

 

Schon die ersten paar Gitarrenklänge legen sich sanft in und um meine Ohren. Musikalische Gedrungenheit und der Druck, so viel wie möglich in einen Song packen zu müssen, ist nicht zu spüren. Im Gegenteil, wahrlich entschleunigt und fast schon verschlafen kommen die ersten Gitarrenklänge des Songs Vacation aus den Lautsprechern. Eines von 10 Liedern, die am Debütalbum In the meantime der Band Vague zu hören sein werden. Ab 22. April, um genau zu sein, denn dann erblickt der erste Longplayer der fünfköpfigen Band aus Wien und Berlin das Licht bzw. die Musikläden dieser Welt. Gitarrist und Sänger Simon Dallaserra hat mir im Vorfeld schon ein bisschen was über DIY-Methoden und hierarchielose Bandkonzepte erzählt und mir erklärt, warum weniger manchmal richtiger ist.

 

Hey Simon. Wie lief der Entstehungsprozess von eurem ersten, richtigen Album?

Simon: Hey. Die Aufnahmen verliefen sehr angenehm, in einem kleinen, charmanten Grazer Subterrain-Studio. Bei Mario Zangl – dem Gitarristen von Mile Me Deaf und Produzent – waren wir super aufgehoben. Nach einer Woche intensivem Beisammenseins waren die Aufnahmen im Kasten. Die Postproduktion hat etwas mehr Zeit benötigt, aber jetzt sind wir mit dem Ergebnis zufrieden. Wertvolle Erfahrungen haben wir auch gesammelt.

Für mich klingt „In the meantime“ strukturierter als eure EPs zuvor. Was sind für dich markante Unterschiede zu Vorgängerwerken?

Die Platte ist jetzt unsere erste gemeinsame Studioarbeit als Band. Die Aufteilung der Songs ist gedrittelt, der Sound aber trotzdem kohärent. Die EP’s davor nahmen wir ausschließlich selbst auf. Wir experimentierten mit verschiedenen Aufnahmetechniken und verfolgten eine analoge DIY-Methode. Unsere zweite EP – Tempdays – war schon ausgetüftelter und diverserer als Television, unsere erste EP. Langsam kristallisiert sich für uns ein bestimmter Sound aus dem Experimentieren heraus. Dieser sollte jetzt auf In the meantime auf 10 Lieder gebündelt zu hören sein.

 

Von der EP – Tempdays

Ich höre auf jeden Fall verschiedenste, musikalische Einflüsse heraus.

Ja, bei fünf Menschen ist das naturgemäß sehr vielseitig. Gemeinsame Fixsterne sind aber Bands wie Deerhunter, Television, Kurt Vile, Elliott Smith, Sonic Youth.

Bei Sonic Youth gibt es – meiner Meinung nach – keinen wirklichen Frontman, es ist vielmehr ein gemeinsames Miteinander. Das trifft auch auf euch zu, oder?

Das Band-Dasein ohne Frontmann funktioniert grundsätzlich gleich wie mit Frontmann. Nur, dass anstelle einer selbsternannten Autorität bei uns eben drei Menschen (Gabriel, Konstantin, Ich) ihre Texte schreiben. Aus den verschiedenen Inputs bastelt man dann etwas Stimmiges im Proberaum. Diese fehlende Band-Hierarchie überrascht glaube ich auch das Publikum, welches sich schon sehr an das klassische Sänger-plus-Band Konzept gewöhnt hat. Auch unsere Tontechniker sind ab und an irritiert. Unsere Musik ist auch in sich ziemlich hierarchielos konzipiert. Es geht darum, immer mit Blick auf die Qualität des Gesamten seinen einzelnen Teil beizutragen – auch wenn das bedeutet, dass man mal einen Song lang nur eine einzige Seite anschlägt. Oft ist es viel richtiger, weniger zu spielen. Die nötige Coolness erledigt dann den Rest, haha.

Seid ihr privat dann auch so entspannt und gelassen, wie das Album klingt und eure Auftritte wirken?

Wenn jeder auf einer Bühne an seinem Instrument herumhantieren darf, dann ganz bestimmt, ja. Ich mag`s, wenn es einfach klingt und coole Stimmung verbreitet, so dass sich jeder gleich eine Zigarette dazu anzünden will.

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Prinzipiell ist eine gewisse Gelassenheit in vielen Situationen von Vorteil, sie allein wird dem Leben meiner Meinung nach aber nicht gerecht, wenn man seine Umgebung wachsam wahrnehmen will. Die Welt erfordert auch Ernsthaftigkeit. Kunst kann unter anderem ein Abbauen von Gleichgültigkeit ermöglichen.

In the Meantime hilft mir definitiv, Alltagsstress abzubauen. Wann würdest du denn eure neue Platte hören?

Auf Reisen und Autofahrten funtioniert die Platte definitiv. Aber auch in geselligeren Runden darf sie mal in das Abendprogramm eingeschoben werden. Gerne auch lauter aufdrehen und sich ein bisserl dazu bewegen, wenn man mag. Am liebsten wäre mir aber, man setzt sich hin, nimmt sich die Zeit und hört die Schallplatte von vorne bis hinten in aller Ruhe durch. Dann raucht man eine Zigarette, zieht sich die feinste Hose und das feinste Hemd an und geht vor die Tür.

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Ihr seid ja beim Touren ganz schön herumgekommen. Paris, Prag, London, Berlin. Gibt es eine Lieblingslocation?

Schwierig, da jede Location ihren eigenen Reiz besitzt. Mir fällt z.B. die Öttinger Villa in Darmstadt ein, ein Ort der positiv überrascht hat. Richtig gerne touren würde ich allerdings in den USA, an der Ostküste. Ein Klischee wahrscheinlich, aber was soll’s. Schön wäre auch die große Bühne im WUK oder der Heimathafen Neukölln.

Gibt es eigentlich so etwas wie eine fixe Vague-Basis?

Die Basis ist definitiv Wien. Das Hauptquartier im Kaffeehaus. Nein, im Ernst, in Wien mieten wir unseren Proberaum, vier Fünftel unserer Band leben hier. Also alle außer mir, haha. Ich bin daher des Öfteren am Pendeln zwischen Berlin und Wien.

Es gehen ja Bedenken um, dass Wien ein zweites Berlin werden könnte?

Bei mir eigentlich nicht. Aber es gentrifiziert sich natürlich, Subkulturen und Szenen suchen sich ihre berechtigten Vorbilder. Es gibt jedoch eine stark ausgeprägte wienerisch-österreichische Identität, die sich schon zu behaupten weiß. Die Gemütlichkeit und der Wiener Grant werden ja ohnehin wie ein Kulturerbe gepflegt – diese Bedenken erscheinen mir also unbegründet.

Wo kann man euch den in Zukunft live hören und sehen?

Im Mai sind wir auf einer kleineren Tour, hauptsächlich in Deutschland. Diese soll mit der Albumrelease-Show am 14.5 in Wien beendet werden. Näheres dazu gibt es aber bald. Ich fände es auch schön, auf einem Festival im Sommer zu spielen, mal raus an die Luft mit uns. Und ein weiteres Album werden wir auch aufnehmen, vielleicht schon im Sommer.

Was gibt es am Schluss noch zu sagen?

Die Arbeit an der eigenen Platte hat mich wieder mehr zum bewussten Hörer gemacht, weg von beiläufigen Berieselungen oder Spotify. Ich schätze es wieder vermehrt, Stücke bis ganz zu Ende zu hören, keine Playlist, die Lieder aus ihren Zusammenhängen reißt, sondern ein durchgehendes, stimmiges Album. Das mag nostalgisch klingen, aber ich finde, dass Lieder ihren Zusammenhang brauchen, so steigt ihr Wert in der Beziehung zueinander. Also es würde mir gefallen, wenn mit In the meantime so umgegangen wird. Danke.

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Fazit

Der Opener Vacation leitet die Reise und Grundstimmung ein und trägt den Hörer fort, sanft aber bestimmt. Frei von jeglicher Hektik und dem Alltagsstress. Die Gitarre dudelt vor sich hin, der Gesang legt sich fließend darüber. Man möchte „Komm lass uns gemeinsam abhauen“ rufen, den Kopf aus dem Autofenster strecken. Vacation eben. Vague entführt uns aus dem Alltag und vermittelt uns das Gefühl von unendlicher Zeit. So geht die Reise weiter, Erinnerungen an Bands wie The Cure und The Smiths werden wach, die einzelnen Nummern geben sich die Hand und erzeugen einen geschmeidigen Übergang. Untitled ist Zeuge des harmonischen Zusammenspiels zwischen Bass und Gitarre, während der ehrlich klingende Gesang eindringliche Phrasen von sich gibt. Vor allem im letzten Teil des Songs nimmt sich jedes Instrument den Platz, den es braucht. So auch bei Looking Queer, einem Song, der beinahe ohne Gesang auskommt. Instrumentales zum Wegdriften. Auch der Mundharmonikapart à la Neil Young in You know it’s there überzeugt. Episch und mitreißend. Generell sprechen wir hier von einem Album, das durch seine dahinschmelzende, entspannte Art als ideale Dauerschleife für endlose Autofahrten mit offenem Fenster oder eine aufblühende Frühlingsromanze genutzt werden sollte, inklusive wildem Rumgeknutsche. Im coolen, nicht schnulzigen Sinn, versteht sich. Zeitlos, teils melancholischer Gitarrenpop rauscht an einem vorbei. In the meantime erzeugt eine ganz eigene Art von Sehnsucht. An Undergroundmusik der 80er und Postpunk. Ferne Länder und Reisen. Rauschige Atmosphäre und diese eine letzte Zigarette, die man raucht, bevor man sich die Schuhe anzieht und das Haus verlässt.

 

Das Erstlingswerk In the meantime  der Band Vague erscheint am 22. April (Label: Siluh Records) in den Plattenläden eures Vertrauen. Auch online kann man die Platte erwerben, z.B. auf Siluh.com.

Wer mehr über Vague – Konstantin, Gregor, Juan, Gabriel und Simon und ihre Nebentätigkeiten – z.B. Barkeeper, Journalist, Fotograf, 2x Student – erfahren will, findet mehr Infos HIER.

 

Redakteur: Alexius Ivo Baldissera 

 

 

 

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